Speyer

Die dritte Station auf unserer Osterreise war Speyer und ich kann euch sagen, das war wirklich etwas ganz Besonderes! Meinen Menschenpapa musste ich schon fast reanimieren, so überwältigt war der.

Die ganze Geschichte begann nach unserem Besuch in Worms. Abends sind wir von Worms noch nach Speyer gefahren, da wir dort für die nächsten Tage eine sehr schöne Ferienwohnung gebucht hatten. Als wir dort ankamen, dachte ich, wir könnten uns jetzt etwas ausruhen – wir waren ja schon den ganzen Tag durch Worms gelaufen! Mein Menschenpapa dachte das aber offenbar ganz und gar nicht. „Komm, Grizzly, wir machen heute Abend noch einen kleinen Stadtrundgang zusammen, Richtung Dom.“, meinte er. Da war er bei mir aber an den Falschen gekommen! Auch wenn ich ein ganz gefährlicher Bär bin, werden meine Beine irgendwann müde. Also war meine Antwort ein vernehmlich geknurrtes „Nein!“. „Was ist mit Dir?“, fragte er scheinheilig. „So ein starker Bär wie Du und müde? Dann muss ich eben das Eis essen mit Dir ausfallen lassen – sehr schade.“ Was, Eis essen? Na, da war ich doch gleich wieder viel munterer! Ganz aufgeben wollte ich aber auch nicht. Also haben wir uns nach einer kleinen Diskussion darauf geeinigt, dass ich in meiner Reisetasche mitkomme und er mich trägt, womit Bär und Mensch zufrieden waren.

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Mittlerweile war es bereits dämmrig geworden. Durch eine kleine Nebenstraße gingen wir also in Richtung auf den Dom. Der Spaziergang war ganz nett, aber eben auch nichts Besonderes. Jedoch nur bis zu dem Augenblick, als wir aus der kleinen Straße auf den Vorplatz zum Dom hinaustraten. Wow, war das Bild, das sich uns so plötzlich bot – überwältigend! Da stand er nun, der berühmte Dom zu Speyer. Groß, mächtig, Ehrfurcht gebietend und unfassbar präsent. Nicht wie die Kirchen in Mainz und Worms, zugebaut mitten in der Stadt. Nein, hinter dem großen, gepflasterten Vorplatz steht er völlig frei und allein. Was für ein Eindruck! Wie muss dieser erst vor tausend Jahren gewesen sein. Selbst in den Städten lebten die Menschen im 11. Jahrhunderts zumeist in schiefen, zwei- bis dreistöckigen Holz- oder Fachwerkhäusern. Bauern auf dem Land hatten nur ihre winzigen, ärmlichen Katen, die aus zwei Räumen bestanden. Auf die Menschen dieser Zeit muss solch ein monumentales Gebäude doch wie eine zu Stein gewordene Verkörperung himmlischen Willens gewirkt haben!

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Der Bau des Doms begann unter Kaiser Konrad II., etwa um 1025; und der Herr hatte Ambitionen. Nichts weniger als die größte Kirche des Abendlandes sollte es werden. Bei diesem Anspruch dauert es dann eben auch etwas mit der Fertigstellung. Weder Konrad II. noch sein Sohn Heinrich III. erlebten den Abschluss der Arbeiten. Erst unter dem Enkel Heinrich IV. wurde der Bau im Jahr 1061 geweiht. Der nun hatte aber noch größere Pläne. Knapp 20 Jahre nach der Vollendung ließ er den Dom zur Hälfte einreißen, um ihn noch mächtiger wieder aufbauen zu lassen. Das Gebäude wurde größer und höher und erhielt auch noch das größte Kreuzgratgewölbe im ganzen Reichsgebiet. Ja und so ist der Dom zu Speyer das größte romanische Gebäude der Welt. Hat er also seinen Willen bekommen, der Herr Konrad.

Nachdem sich mein Menschenpapa von außen am Dom vorerst sattgesehen hatte, ging es nach einem leckeren Eis schlussendlich doch zurück in unser Quartier und ins wohlverdiente Bärenbett.

Nach einen ausgiebigen Frühstück machten wir uns am nächsten Tag zunächst zu einem Stadtrundgang durch Speyer auf. Eine wirklich schöne Stadt, mit liebevoll gestalteten Häusern, dieses Speyer! Am besten hat mir bei unserem Spaziergang aber gefallen, dass die Hauptstraße komplett den Fußgängern gehörte. Das machte es wirklich sehr angenehm.

Wieder hatte es meinem Fotografen eine Kirche angetan. Zuerst besuchten wir die Gedächtniskirche der Protestation. Auf dem Reichstag zu Speyer im Jahr 1529 protestierten sechs Fürsten und die Vertreter von vierzehn Reichsstädten gegen die Verhängung der Reichsacht über Martin Luther und die Ächtungen seiner Werke. Und dieser Akt des Widerstandes gegen die katholische Mehrheit im Reich hat den heutigen Protestanten ihren Namen gegeben. Zur Erinnerung daran wurde Ende des 19. Jahrhunderts diese Kirche erbaut. Besonders bemerkenswert daran ist, dass das im neugotischen Stil errichtete Gebäude sich wirklich eng an die ursprüngliche gotische Architektur anlehnt. Schaut euch doch mal die Gewölbedecken an! Da sind überall die einzelnen Ziegel zu sehen, genauso, wie es vor hunderten von Jahren auch üblich war. Mir gefielen die großen, farbigen Fenster am besten. Diese zu betrachten, war wie ein kleiner Ausflug in die lutherische Zeit. Ähnlich wie Kaiser Konrad II. wollten auch die Protestanten ein ganz besonderes Bauwerk haben. Da man nicht genug Geld hatte, es in der Größe des Doms zu errichten, musste es eben zumindest ein höherer Turm sein. Ob man daran nun die „richtige“ Religion erkennen kann?

Zum Abschluss unserer Stadterkundungen ging es aber nun endlich in den Dom. Bereits die Vorhalle mit den Standbildern der Könige und Kaiser ist sehr imposant. Wer genau senkrecht nach oben schaut, kann durch ein kreisrundes Loch, genau in der Mitte des Gewölbes, auch schon einen Blick auf die Gemälde im Kaisersaal erhaschen. Die Öffnung nennt sich Glockenloch und dient, wie der Name schon sagt, dem Aufzug der Glocken.

Mein Menschenpapa war, wie schon am Vortag, völlig in seinem Element. Zu jedem der Herrscher konnte er mir Geschichten erzählen. Mir schwirrte schon der Kopf von den ganzen Jahreszahlen und Ereignissen. An der bronzenen Tür hat er auch gleich noch etwas entdeckt, das ihm Rätsel aufgibt. In der Mitte ist eine Darstellung von Moses, der die Gebetstafeln in die Höhe hält. Das rätselhafte ist, Moses hat Hörner. Ja, schaut mal genau hin, dem wächst da was aus dem Kopf! Vielleicht habt ihr ja eine Idee, was der Künstler dargestellt hat.

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Irgendwann gingen wir dann endlich durch das Hauptportal hinein in den Dom. Ich war schon wieder auf unzählige Erläuterungen meines Menschenpapas gefasst. Aber Pustekuchen! Kaum war er drin, stellte er sich an die Seite des Eingangsportals und schaute umher. Ganz still war er und hat sich nicht gerührt. Na gut, lass ich ihn eben etwas schauen, dachte ich. Nachdem er sich aber auch nach einigen Minuten immer noch nicht von der Stelle bewegt hatte, habe ich ihn dann doch mal angesprochen. Glaubt ihr etwa, ich hätte eine Antwort erhalten? Der stand da und guckte einfach. Als zweiten Versuch habe ich ihn in den Arm gekniffen. Hat aber auch nichts gebracht! Ich glaubte schon, mein Herr Fotograf hatte eine Art von Krampf und dass er sich nicht mehr vom Fleck bewegen kann. Also kam mein ultimatives Mittel zum Einsatz: ein lautes, tiefes und mächtiges Bärengebrumm. Das drang dann zu ihm durch. „Mach doch nicht so laut, Grizzly!“ meinte er und ging aufgeschreckt einige Schritte vorwärts. Da war ich wirklich erleichtert, dass es ihm offenbar gut ging.

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Danach haben wir den Dom ausführlich besichtigt und auch fotografiert. Das hat gedauert, wie er da ständig irgendwelche Objektive hin und her gewechselt hat. Immer wieder musste ich den Aufpasser für seine Fotosachen geben, wenn er zum Beispiel völlig hingerissen mal wieder „schnell noch eine Weitwinkelaufnahme“ brauchte.

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In die Krypta sind wir natürlich auch hinunter gestiegen. Da unten finden sich die Gräber der salischen Kaiser und Könige und deren Angehörigen. Das geht los mit Konrad II., der den Dom bauen ließ, über die Heinriche III. – V. bis hin zu Rudolph I., den ersten Kaiser aus dem Hause Habsburg. Eine vergleichbar umfangreiche, mittelalterliche Grablege von Herrschern existiert in Europa sonst nur noch in Westminster Abbey.

Auf den Turm ist mein Menschenpapa natürlich auch noch gestiegen und hat den Ausblick über die Stadt bewundert. Bei der ganzen Mittelalterbegeisterung traf es sich, dass es im Museum zur Geschichte der Pfalz eine Sonderausstellung zu Richard I., König von England zu sehen gab. Diese war auch sehr interessant, doch Fotografieren durfte man darin leider nicht.

Unsere Besichtigungstour durch Speyer hatte den ganzen Tag gedauert. Ich habe mich danach in mein weiches Bärenbett fallen lassen. Mein Herr Fotograf ist aber sogar abends nochmals raus, um den Dom in der blauen Stunde zu fotografieren.

Den zweiten Tag in Speyer verbrachten wir im Technikmuseum. Das war dann doch mit deutlich weniger Lauferei verbunden, gegenüber unserem Stadtrundgang. Zu sehen gab es jede Menge technische Dinge. Am meisten haben uns die Flugzeuge sowie die Raumfahrtausstellung interessiert und die Buran war natürlich das Highlight.

Nach zwei Tagen Speyer war ich richtig platt. Mein Menschenpapa hingegen nicht. Bevor es nach einer weiteren Nacht zu unserem nächsten Reiseziel weiter ging, schlich der sich doch tatsächlich ganz früh am Morgen noch mal zu Dom. Dass er geschichtsverückt ist, muss ich wohl nicht sagen.

Euer ganz gefährlicher Grizzly

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